05.06.2012 – Lipsiade-Start – Ein Goldfisch und viele Sieger

Lipsiade-Start – Ein Goldfisch und viele SiegerIm Eiltempo vornweg: Schwimmer, Handballer, Segler, Reiter, Taekwondokämpfer und Akrobaten waren die ersten Lipsiade-Starter im Olympiajahr. Weil es terminlich immer schwierig ist, alle Sportarten am zentralen Termin unter einen Hut zu zaubern (7. bis 10. Juni), nahmen bereits am Wochenende die ersten Gewinner ihre Medaillen entgegen.

Die Wettbewerbe in der Schwimmhalle Mainzer Straße verzeichneten über 1000 Starts der 300 jungen Athleten. Als Goldfisch erwies sich dabei Lena Sikatzki vom SC DHfK (Jg. 99), die sechs Siege erkämpfte. Das sportlich wertvollste Ergebnis steuerte Michelle Zehmisch (Post SV/Jg. 2000) über 50 m Freistil in 28,05 s und 100 m Freistil in 1:02,45 s bei. Dreimal Staffelbeste waren die Post-Vertreter.

Spiel und Spaß dominierten das Turnier der Handball-Minis. Die Nase vorn hatte der SC DHfK vor dem HSV Mölkau „Die Haie". Das von Ex-Nationalspielerin Kerstin Mühlner betreute Team des HCL teilte sich Bronze mit den Piranhas des SC Markranstädt. Im E-Jugend-Turnier siegte Markranstädt vor dem HCL.

Auf Gold-Kurs lagen die Nachwuchs-Segler. Auf dem Cospudener See waren Clemens Holzapfel (Optimist) sowie das Team Lydia Kirsche mit Sophie Beger (420er) vom Seglerverein Leipzig Südwest erfolgreich.

„Das war ein gelungener Auftakt für unsere jungen Sportler. Die folgenden Wettkämpfe versprechen eine ebenso spannende und emotionale Kulisse", sagte Sportjugend-Koordinator Sven Heinze. Im Eiltempo geht es weiter: Am Donnerstag findet mit dem Staffellauf der Grundschulen die offizielle Lipsiade-Eröffnung statt.Kerstin FörsterLVZ2012-06-05

Post-Schwimmerin gewinnt Mehrkampf-DMAm letzten Tag der deutschen Jahrgangsmeisterschaften der Schwimmer in Magdeburg wurden die Jugend-Mehrkämpfe entschieden. Dabei errang Michelle Zehmisch vom Postschwimmverein einen beachtlichen Erfolg: Die Zwölfjährige wurde beste Kraul-Mehrkämpferin Deutschlands. Den Grundstein für den Sieg hatte sie in der Beinbewegung gelegt. Über einen dritten Platz bei der deutschen Bestenermittlung freute sich Rücken-Spezialist Michael Schäffner (SC DHfK).Frank SchoberLVZ2012-05-31

Lisa Graf kehrt mit Staffelgold heim – Rücken-Ass im Vorlauf eingesetzt / Tommi Wolst wird in Magdeburg zweifacher deutscher JahrgangsmeisterMit vielen bleibenden Eindrücken kehrte Schwimmerin Lisa Graf gestern Nachmittag von ihren ersten Europameisterschaften zurück. Die 19 Jahre alte Rückenspezialistin der SSG genoss in Debrecen die fabelhafte Stimmung im DSV-Team. Die Krönung: Die bei Eva Herbst trainierende Sportgymnasiastin hatte sogar eine Goldmedaille im Gepäck. Denn die DSV-Teamleitung schickte am Morgen über 4×100 m Lagen ein B-Quartett ins Wasser, das mit Startschwimmerin Graf (1:02,37 min) Vorlauf-Zweite wurde. Am Abend holten Britta Steffen und Co. dann Gold. In den Einzelstrecken belegte Lisa Graf in Ungarn die Plätze elf und zwölf. Hoffnungen auf eine Olympia-Nominierung macht sich die zweitbeste deutsche Rückenschwimmerin aber nicht.

Erfolgreich präsentierten sich die SSG-Schwimmer auch bei den deutschen Jahrgangsmeisterschaften in Magdeburg. Tommi Wolst galt schon länger als größtes Leipziger Talent, nun untermauerte er dieses Urteil trotz Verletzungspechs im Frühjahr mit einem doppelten Paukenschlag. Zuerst steigerte sich der 16-Jährige über 200 m Rücken um fünf Sekunden und errang im Jahrgang 1996 in 2:07,44 min mit einer Hundertstel Vorsprung auf seinen unerbittlichen Kontrahenten aus Halle die Goldmedaille. Dabei brillierte der Schützling von Oliver Trieb mit fantastischer Renneinteilung: Er schwamm die 100-m-Abschnitte fast in Gleichmaß und lag bei Halbzeit noch auf Platz zwei.

Zwei Tage später gewann er auch die 100 m Rücken in 59,06 s. Dazwischen lag Bronze über 200 m Lagen (2:10,20). Seine Vorbereitung erfolgte im perfekten Trainer-Teamwork. Weil sich sein Coach Oliver Trieb auf die DM der Erwachsenen konzentrierte, kehrte Tommi Wolst für einige Wochen zu seiner früheren Trainerin Anne-Katrin Neumann zurück. Der Lohn für die Top-Vorbereitung: Neben drei Medaillen erfüllte Wolst auch die D/C-Kadernorm und qualifizierte sich erstmals für die DSV-Jugendnationalmannschaft.

Doppelten Grund zur Freude hatte Charlotte Osmers. Die 13 Jahre alte Schmetterling-Spezialistin sicherte sich über 100 m Silber (1:05,40) sowie über 200 m Bronze (2:25,80). Ihre erste Medaille errang im gleichen Jahrgang Annalena Hamel: Sie freute sich über 200 m Rücken über Bronze (2:26,62). Insgesamt holte die SSG Leipzig in Berlin und Magdeburg fünf Gold-, fünf Silber und zehn Bronzeplaketten.Frank SchoberLVZ2012-05-29

Lisa Graf im EM-HalbfinaleLisa Graf von der SSG Leipzig schaffte gestern bei ihrer EM-Premiere ihr Nahziel: Die 19-Jährige steigerte im Vorlauf ihre Bestzeit über 100 m Rücken um rund drei Zehntel auf 1:01,61 min. „Es lief super, das Rennen hat sich richtig gut angefühlt“, sagte sie. Damit ist Lisa Graf in diesem Jahr die zweitbeste Deutsche auf dieser Distanz, nachdem sie vor eineinhalb Wochen bei den deutschen Meisterschaften in Berlin noch Rang vier belegt hatte. „Da war ich vielleicht noch nicht ausgeruht genug.“

Im Halbfinale wurde die Sportgymnasiastin, die in wenigen Tagen ihr Abitur vollendet und anschließend zur Bundeswehr-Sportfördergruppe gehen will, in 1:02,05 min Elfte und lag 1,5 s hinter Jenny Mensing aus Wiesbaden. Die Frage aller Fragen: Hat sie damit doch noch eine Olympia-Chance, um hinter Mensing die Lagenstaffel abzusichern? „Darüber sollte zumindest nachgedacht werden. Einige Fürsprecher wird Lisa haben“, meint Trainerin Eva Herbst. Dafür spricht: Fast immer wurden zwei Rückenschwimmerinnen nominiert. Dagegen spricht der recht große Abstand zu Mensing, zudem sitzt Kraulspezialistin Silke Lippok der Leipzigerin im Nacken.

Neben Lisa Graf hatte auch ihr Freund Grund zur Freude: Der aus Dresden stammende Tim Wallburger (Berlin) knackte als Vierter über 200 m Freistil die Olympia-Norm und ist aus der Staffel kaum noch wegzudenken. Dennoch stufte er sein um drei Hundertstel verpasstes Edelmetall als „sehr ärgerlich“ ein.Frank SchoberLVZ2012-05-24

Herbst schwimmt in Esbjerg HallenrekordLeipzigs Schwimm-Oldie Stefan Herbst errang beim internationalen Kurzbahn-Meeting im dänischen Esbjerg drei Siege und einen zweiten Platz. Wenige Tage nach seinem 34. Geburtstag erzielte der Teamchef der SSG Leipzig über 50 m Schmetterling in 24,10 Sekunden einen neuen Hallenrekord. In der Gesamtwertung der punktbesten Leistungen wurde der Sportsoldat Vierter – hier wurde seine Zeit über 200 m Freistil (1:46,30 min) gewertet. SSG-Kollegin Stine Gabrysiak feierte drei Siege bei den Frauen. Über 100 m Rücken steigerte sie ihre Bestzeit um über zwei Sekunden auf 1:02,95 min. Nils Kricke (SV Handwerk) gewann eine Woche vor den deutschen Jahrgangsmeisterschaften die 50 m Brust in seiner Altersklasse. Am Start in Esbjerg waren 1200 Teilnehmer aus sieben Nationen. „Das war wie jedes Jahr ein wunderbares Meeting. Wenn die Stimmung bei den deutschen Meisterschaften auch so wäre, würden alle gleich mal eine Sekunde schneller schwimmen“, sagte Trainer Veit Gabrysiak.

Weitere Medaillengewinner: Tony Wiegmann, Christian Brox (beide SSG), Verena Bornschein (SC DHfK), Sarah Dinger (SV Handwerk).Frank SchoberLVZ2012-05-23

Starkes Finale vor dem UmbruchEin bisschen Wehmut, aber auch Stolz auf Sohn Stefan steckte in den Worten von Eva Herbst: „Das wird wohl seine letzte Einzelmedaille sein." Die Trainerin verschob extra ihre Zigaretten-Pause, machte bei der Siegerehrung nach den 50 m Schmetterling höchstselbst ein Foto ihrer beiden Haudegen: Hannes Heyl fing Minuten zuvor Favorit Steffen Deibler aus Hamburg auf den letzten Zentimetern ab und wurde mit 25 Jahren erstmals deutscher Meister. Stefan Herbst holte zum Abschluss seiner Karriere noch einmal Bronze. Eine Stunde später gab es für beide gemeinsam mit Serghei Golban und Tony Wiegmann Silber über 4×100 m Lagen. Damit erkämpfte Herbst bei seinen letzten Langbahn-Titelkämpfen vier Medaillen. Wieviel Edelmetall holte er insgesamt in seiner Karriere? „Wenn ich in Rente gehe, werde ich es mal zusammenzählen", so Mutter Eva.

Lisa Graf, Carolin Pohle, Saskia Donat und Juliane Reinhold holten Staffel-Bronze – unterm Strich stehen neun SSG-Medaillen in der offenen Klasse. Bevor Hannes Heyl zuschlug, errangen Philipp Sikatzki und Tobias Horn bereits zwei Junioren-Titel. Horns Triumph über 400 m Freistil hatte einen kleinen Schönheitsfehler: Der Mittelstreckler verpasste im Vorlauf hauchdünn das Männer-Finale. „Das war am Ende vielleicht ganz gut. Toby konnte im Junioren-Finale frei vornweg schwimmen und ist nicht in die Wellen der anderen gekommen", so Eva Herbst. Der Lohn: Steigerung um drei Sekunden und die achtbeste Männer-Zeit. Bei Serghei Golban, der im Winter wegen einer Schambein- und Schulter-Verletzung zwei Monate pausieren musste, war es umgekehrt: Er stand über 50 m Schmetterling im Männer-Endlauf und musste zwei Starter des Junioren-Finales noch vorbeiziehen lassen.

Das Pech von Serghei Golban stand fast exemplarisch für die Saison der SSG-Asse. Philipp Sikatzkis Bänderriss sechs Wochen vor den Meisterschaften ließ Schlimmes erahnen, doch der 18 Jahre alte Schützling von Oliver Trieb legte eine Punktlandung hin und sicherte sich das Junioren-EM-Ticket. Stine Gabysiak verletzte sich in Berlin über 50 m Rücken beim Anschlag, musste mit Verdacht auf Fingerbruch zum Röntgen. Zum Glück wurde nur eine schwere Prellung diagnostiziert, sodass die 16-Jährige die Wettkämpfe fortsetzen konnte. Im 100-m-Finale blieb sie erstmals unter der 1:05-min-Grenze, doch für das JEM-Ticket und eine Medaille fehlten der süddeutschen Meisterin wenige Zehntel. „Sie ist super geschwommen. Durch den geprellten Finger fehlte ihr das Selbstvertrauen, vor allem beim Anschlag", so Vater und Trainer Veit Gabrysiak.

Dem Leipziger Schwimmsport steht ein Umbruch bevor. Stefan Herbst wird maximal noch bei den Kurzbahn-Meisterschaften mitsprinten. Auch als Funktionär reißt er eine Lücke. „Ich will ein Studium bei der Bundeswehr aufnehmen, auch meine Freundin wird eher in Hamburg oder München studieren als in Leipzig." Deshalb wird er den SSG-Vorsitz – hier wirkt er integrierend zwischen den Vereinen – wohl abgeben. Stefan Herbst macht sich Sorgen um die Zukunft des Leipziger Schwimmsports, kritisiert den Landesverband. Er verdenkt es seinen Nachfolgern nicht, wenn diese sich anderswo umschauen: „Als Sportler brauchst du die Sicherheit, ob dein Trainer nächste Woche noch dein Trainer ist. Die Sicherheit ist in Leipzig nicht gegeben." Zudem hadert er mit den Bedingungen: Schwimmerisch sei alles okay, aber für Athletik hätten Hamburg, Berlin und Heidelberg wesentlich bessere Möglichkeiten. Der fast 34-Jährige finanzierte sein Fitness-Studio und den Athletik-Coach Hagen Pietrek jahrelang selbst, derzeit trägt Vater Jochen die Kosten.

Der Umbruch betrifft nicht nur Stefan Herbst: Lisa Graf bewirbt sich bei der Bundeswehr und weiß noch nicht, ob sie Leipzig treu bleibt. Juliane Reinhold muss schauen, ob die Polizei-Ausbildung mit Hochleistungssport wirklich vereinbar ist. Hannes Heyl will sich auf sein Master-Studium in den USA konzentrieren, andere Talente liebäugeln mit US-Stipendien. Die Titelkämpfe könnten also auf absehbare Zeit die erfolgreichsten für Leipzig gewesen sein.Frank SchoberLVZ2012-05-15

Biedermann zwei Sekunden hinter WeltspitzeVier Medaillen, fünf Teilnehmer in den Einzelfinals und eine Junioren-EM-Norm sind für die Leipziger Schwimmer nach zwei Tagen der deutschen Meisterschaften ein respektables Zwischenergebnis. Gestern holten Lisa Graf und Stefan Herbst Bronze über 50 m Rücken. Diese Disziplin ist nicht olympisch – beide tasten sich sozusagen an ihre morgige Hauptstrecke heran, bei der sie den dünnen Strohhalm Richtung London ergreifen wollen.

Die Aufmerksamkeit an der Landsberger Allee gehörte gestern einem (Bieder-)Mann: Eigentlich wollte sich der Hallenser an keiner Zielzeit messen lassen, sondern vor allem seine Hausaufgaben machen und das Olympia-Ticket buchen. Als Paul Biedermann im Vorlauf über 200 m Freistil aber vier Sekunden vom Weltjahresbesten Yannick Agnel aus Frankreich trennten, war der Doppel-Weltmeister von 2009 doch sauer und meinte: „Ich habe mich zu sehr unter Druck gesetzt. Im Finale lief es besser, auch wenn mir noch etwas das Stehvermögen fehlt und ich noch nicht richtig ausgeruht bin."

Mit 1:46,70 min schob sich der 25-Jährige vorerst auf Platz sieben der Weltrangliste – 2,3 Sekunden hinter dem Franzosen. Wenn man Biedermanns normale Steigerungsraten zwischen DM und Saison-Höhepunkt heranzieht, liegt er voll im Plan. Schon das Halbfinale wird in London ein Kampf auf Biegen und Brechen. „Alle acht Finalisten können Olympiasieger werden. Das wird das stärkste Finale aller Zeiten", weiß der Saalestädter, der seinen Weltrekord aus der Ära der Hightech-Anzüge nicht in Gefahr sieht.

Stefan Herbst hatte nicht an ein Wunder geglaubt und die 200 m Freistil weggelassen. Eine richtige Entscheidung, die Olympia-Staffel hätte er gestern nicht geschafft. „In unserer Sportart weiß man anhand der Trainings-Ergebnisse, was im Wettkampf herauskommt. Wir Schwimmer sind nicht vom Kampfgericht abhängig und haben im Prinzip auch keinen unmittelbaren Gegner." Die Bronzemedaille über 50 m Rücken bezeichnete der 33-Jährige als Geschenk, weil drei Mitfavoriten das Finale abgemeldet hatten: „Aber Geschenke nehme ich gerne an." Der 18-Jährige SSG-Kollege Philipp Sikatzki erfüllte nach gerade auskuriertem Bänderriss die EM-Norm und strahlte übers ganze Gesicht.

Lisa Graf war wie im Vorjahr als Vorlauf-Schnellste ins Finale eingezogen. 2011 rutschte sie an der Wand ab, „paddelte" hinterher und hatte keine Chance mehr auf eine Medaille. Seither korrigierte die 19-Jährige ihre Fußposition beim Start ein wenig. Diesmal hielt sie ihren (obligatorischen) Rückstand nach der Tauchphase in Grenzen, holte den Rückstand auf, konnte aber an der Meisterin Jenny Mensing nicht vorbeiziehen. In 29,05 s war sie ein wenig langsamer als am Morgen sowie im März bei der EM-Quali. Deshalb wirkte sie nicht zufrieden: „Mein neuer Anzug ist wohl zu eng. Da kommt am Ende immer der Mann mit dem Hammer. Ich werde in den nächsten Tagen ein anderes Modell wählen." Auch Teamkollegein Juliane Reinhold haderte mit dem zu engen Anzug und war im B-Finale über 200 m Freistil mehr als 3,5 Sekunden schneller.Frank SchoberLVZ2012-05-12

Altmeister führt Staffel zu Silber – Nach 28 internationalen Wettkämpfen kämpft Stefan Herbst noch einmal um OlympiaLeistungssportler haben den Ruf weg, den richtigen Moment für ihren Rücktritt meist zu verpassen. „Schwimmt der denn immer noch?", heißt es zumindest hinter vorgehaltener Hand, wenn der Name Stefan Herbst nach 15 Jahren immer noch in der Startliste bei deutschen Meisterschaften auftaucht. Der Leipziger wird nächste Woche 34. Und ihm fällt es selbst schwer, Argumente dafür zu finden, morgen in Berlin über 100 m Freistil seine vierte Olympia-Teilnahme perfekt zu machen.

„Eigentlich wollte ich ja schon vor zwei Jahren aufhören", sagt der Teamchef der Leipziger SSG-Schwimmer. „Doch damals lief es bei der EM in Budapest so gut, dass ich es noch mal probieren wollte." 28 Mal vertrat Herbst Deutschland bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften auf der Lang- oder Kurzbahn. „Die 30 werde ich wohl nicht mehr schaffen." Aber die 29? Eine ähnlich lange Auswahl-Karriere haben nur Thomas Rupprath und Mark Warnecke vorzuweisen. Es gibt mindestens drei Gründe, warum Stefan Herbst vor zwei Jahren richtig entschieden hat: Noch im Dezember schwamm der Methusalem bei seiner zwölften Kurzbahn-EM in Stettin. Die jüngeren Athleten in der Uni-Halle haben nach wie vor einen Frontmann, zu dem sie aufblicken können. „Und mir macht das Schwimmen immer noch Spaß." Dabei meint er nicht in erster Linie Wettkämpfe und Siege, sondern die Schinderei des Trainingsalltages. Gestern bewies er zum DM-Auftakt, wie wertvoll er fürs Team ist: Als Schluss-Schwimmer der 4×100-m-Freistilstaffel führte er das Quartett der SSG Leipzig von Platz fünf auf den Silberrang, anschließend holten die Frauen Bronze. „Im Training lief es in Schmetterling besser als in Kraul. Im Wettkampf ist es hoffentlich andersrum. Der Auftakt war ja nicht schlecht", meinte der Sportsoldat, der gestern 49,46 s schwamm. Da ihm im Trainingslager in Teneriffa gegen die Deibler-Brüder aus Hamburg die intensiven längeren Strecken schwer fielen, verzichtet er diesmal auf die 200 m Freistil. Auf der halben Strecke möchte er morgen ein letztes Mal im Finale stehen.

Für einen olympischen Staffel-Platz muss man um oder unter 49 Sekunden schwimmen. Herbst ist seit 2006 im Einzel nicht mehr unter 50 Sekunden geblieben. Dass der 2-m-Mann in der Saison nur vier im Wochen im Trainingslager war, kontert er so: „Wichtig ist nicht, wo man trainiert, sondern wie."

Bester Einzel-Schwimmer war gestern der Potsdamer Yannick Lebherz, der über 400 m Lagen die Norm für London knackte. SSG-Staffeln, Männer: Silber (Karl-Richard Hennebach, Serghei Golban, Tobias Horn, Stefan Herbst).

Frauen: Bronze (Saskia Donat, Carolin Sperling, Marie Pietruschka, Juliane Reinhold).Frank SchoberLVZ2012-05-11

Lisa Graf – „Olympia wäre das i-Tüpfelchen"Vor drei, vier Jahren gierte die gesamte Schwimmwelt nach Wunderanzügen. Leichte Athletinnen wie Olympiasiegerin Britta Steffen profitierten weniger von der zweiten Haut, weil ihnen die Natur schon eine gute Wasserlage mitgegeben hat. Deshalb machte die Berlinerin in Peking als einzige DSV-Schwimmerin den Material-Nachteil der Deutschen wett und holte Doppel-Gold. Auch Lisa Graf von der SSG Leipzig war im „Ganzkörperkondom" nicht viel schneller als im Badeanzug, wahrscheinlich kostete sie die Materialschlacht damals sogar das Ticket zur Junioren-EM. Vor zwei Monaten erfüllte sich die Schkeuditzerin einen Traum, als sie über 100 m Rücken erstmals das EM-Ticket löste. Und obwohl die Ganzkörper-Anzüge mittlerweile verboten sind, meint die Sportgymnasiastin vor den morgen beginnenden deutschen Meisterschaften: „Die Material-Diskussion geht von vorn los. Ein Anzug kostet schon wieder 400 Euro wie vor drei Jahren."

Wohl dem, der einen Ausrüstervertrag besitzt. Lisa Graf gehört zu den Glücklichen. Aufgrund ihrer Medaillen bei den deutschen Meisterschaften 2011 konnte sie sogar wählen und entschied sich für Arena – für diese Marke gibt sie im Katalog als Model eine gute Figur ab. Für die 100 m Rücken hat sie einen niegelnagelneuen Anzug im Gepäck. Am Sonntag geht es um jede Hundertstel, denn die 19-Jährige besitzt eine Olympia-Chance. Wie groß diese ist, kann Lisa Graf selbst schwer einschätzen. Für die Norm müsste sie sich um gut 1,5 Sekunden steigern – ein sicher utopisches Unterfangen. „Aber es geht ja um die Lagenstaffel. Beim DSV weiß man nie, ob eine oder zwei Rückenschwimmerinnen mitgenommen werden." Auf jeden Fall hat sie harte Konkurrenz mit der EM-Zweiten Jenny Mensing aus Wiesbaden und Freistil-Spezialistin Silke Lippok aus Pforzheim, die über den Umweg Rücken ebenfalls ihre Staffel-Chance sucht.

Lisa Graf hofft, bis Sonntag nicht alle Kräfte verpulvert zu haben. Denn dass ihre Hauptstrecke erst nach den 50 und knapp 24 Stunden nach den kräftezehrenden 200 m Rücken ausgetragen wird, schmeckt ihr nicht so ganz. Doch sie ist nicht die einzige, die mit dem Zeitplan hadert. Wer im DSV den Nachnamen Steffen und Biedermann trägt, für den wird der Ablauf durchaus maßgeschneidert.

Auf jeden Fall will sich Lisa Graf nicht verrückt machen: „Ich bin froh, dass ich die EM und in den letzten drei Wochen die schriftlichen Abitur-Prüfungen geschafft habe. Deshalb bin ich im Moment noch gar nicht so aufgeregt. Aber das kommt sicher noch. Denn Olympia wäre das i-Tüpfelchen." Sollte ihr am Sonntag das perfekte Rennen noch nicht gelingen, dann hätte der Schützling von Eva Herbst zehn Tage später bei der EM in Debrecen eine zweite Chance. „Für Deutschland international zu starten, setzt sicher zusätzliche Kräfte frei." Doch zunächst will sie das schnelle Berliner Becken nutzen.Frank SchoberLZV2012-05-09

Herbst verzichtet auf 200 m Freistil14 Jahre lang hatte er einen Platz im nationalen Endlauf über 200 m Freistil quasi abonniert, wenn er nicht mal krankheitsbedingt passen musste. Doch an diesem Freitag fehlt der Name Stefan Herbst in der Startliste der deutschen Schwimm-Meisterschaften in seiner Lieblingsdisziplin. Zu Saisonbeginn hatte sich der (fast) 34-jährige Teamchef der SSG Leipzig eigentlich den Angriff auf einen Platz in der 4×200-m-Freistilstaffel in London auf die Fahnen geschrieben. Doch nun reicht die Kraft des dreifachen Olympiateilnehmers nur noch für die kürzeren Distanzen: Herbst startet in Berlin über 50 m Rücken und Schmetterling sowie über 100 m Freistil.

Auch Juliane Reinhold – vor zwei Jahren überraschend Titelträgerin über 400 m Lagen – wird in ihrer damaligen Schokoladendisziplin nicht antreten. Die angehende Landespolizistin, die ihre Erkältung der Vorwoche fast auskuriert hat, konzentriert sich auf die 200 m Lagen und Freistil. Die größten SSG-Hoffnungen ruhen nach den Vorleistungen auf Lisa Graf, die auf den drei Rückenstrecken als eine der vier Schnellsten zu Buche steht. Die 19-Jährige könnte davon profitieren, dass die deutschen Meisterschaften erstmals nicht alleiniger Quali-Wettkampf für Olympia sind. Lisa Graf hatte sich Anfang März für die Europameisterschaften in Debrecen qualifiziert, die zehn Tage nach der DM beginnen. In Ungarn können ebenfalls noch Olympia-Normen geknackt werden.

Weitere Medaillen-Kandidaten sind die Vorjahres-Vizemeister Hannes Heyl (50 m Schmetterling) und Tony Wiegmann (200 m Brust) sowie die SSG-Staffeln. Serghei Golban und Junioren-EM-Kandidat Philipp Sikatzki können nach überstandenen Verletzungen in Berlin starten.Frank SchoberLVZ2012-05-08