„ES GEHT LÄNGST NICHT MEHR NUR NOCH UM EINE VERLORENE GENERATION“ - Postschwimmverein Leipzig e.V.
Februar 9 2021

Hat der Lockdown endlich ein Ende oder wird wieder verlängert? In der Woche vor dem nächsten Corona-Gipfel wendete sich DSV-Präsident Marco Troll mit einem Brief und dringendem Appell im Namen des Deutschen Schwimm-Verbandes e.V. (DSV) an die Bundesregierung. Im Interview erzählt der Freiburger mehr zu seinen Beweggründen, den Problemen an der Basis und der Hoffnung auf mehr Vertrauen.

Die Bundeskanzlerin verhandelt mit den Regierungschef*innen der Länder am Mittwoch über den Fortgang des Lockdowns. Mit welchen Hoffnungen und Erwartungen verfolgen Sie das als DSV-Präsident und damit Interessenvertreter von fast 600.000 Mitgliedern?
Marco Troll: Kurzfristig freue ich mich natürlich, dass der Lockdown endlich die erhoffte Wirkung zeigt und der Inzidenzwert zuletzt deutlich gesunken ist. Und ich hoffe, dass sich dies auch in den Maßnahmen widerspiegeln wird. Was mir jedoch insbesondere als DSV-Präsident aktuell große Sorgen bereitet, sind die langfristigen Auswirkungen der Pandemie für unseren Sport und die Gesellschaft. Genau deshalb habe ich mich in der letzten Woche mit einem Brief an die Bundeskanzlerin und die Regierungschef*innen der Länder gewandt. In der aktuellen Situation reicht es nicht mehr, nur nach Sichtweite zu steuern. Es müssen schon jetzt Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, die uns davor bewahren, langfristig vor Problemen zu stehen, die wir nicht mehr lösen können.

Von vielen Seiten wird bereits von der Angst vor der „verloren Corona-Generation“ gesprochen – im Schwimmen bezieht sich das unter anderem auf die Kinder, die 2020 nicht schwimmen lernen konnten. Was genau fordern Sie dazu in Ihrem Brief?
Marco Troll: Das Problem ist, dass selbst diese Einschätzung noch zu kurzfristig gegriffen ist. Wir steuern auf eine Situation zu, in der wir nicht nur einen Jahrgang verlieren, der im letzten Jahr aufgrund des Lockdowns nicht schwimmen lernen konnte, sondern auf die Tatsache, dass Generationen von Kindern in Deutschland überhaupt keine Chance mehr haben, Schwimmen zu lernen und den Lebensraum Wasser ohne Gefahr für Leib und Leben zu nutzen – weder jetzt noch zukünftig. Wasserfläche war schon immer knapp, doch durch die pandemiebedingten Sparmaßnahmen der Kommunen werden Schwimmbäder nun oftmals langfristig geschlossen, denn Schwimmbäder kosten Geld. Diese Entwicklung muss unter allen Umständen gestoppt werden. Schwimmbäder sind eine Investition in die Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung, sie müssen also eher wie Schulen betrachtet werden. In unserem Brief stellen wir daher drei konkrete Forderungen – ein grundsätzliches Bekenntnis der Bundesregierung zum Kulturgut Schwimmen, die besondere Förderung des organisierten Vereinssports in Pandemiezeiten und das Vertrauen in den organisierten Schwimmsport als Teil der Problemlösung in Zeiten der Pandemiebekämpfung.

Nach einer langen Zeit sehnen sich die Menschen immer mehr nach einem Ende der Beschränkungen, die DSV-Mitglieder wollen endlich wieder in die Schwimmhallen. Die Unsicherheit über Verbreitung und Auswirkung neuen Virus-Mutationen könnte aber zu anhaltender Zurückhaltung in Sachen Lockerung führen. Haben Sie davor Angst?
Marco Troll: Nach fast einem ganzen Jahr in der Pandemie haben die Menschen kaum noch Kraft. Wir wissen, dass die Bevölkerung den Sport braucht – für den Körper, aber auch für die Seele. Die Virus-Mutationen sollten natürlich absolut ernst genommen werden. Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist ein ständiger Kreislauf von Öffnungen und Lockdown. Wir sind der Meinung, dass insbesondere der organisierte Vereinssport ein wichtiger Helfer in der Pandemiebekämpfung sein kann. Wir haben funktionierende Hygienekonzepte, und selbst wenn es zu einem Ausbruch kommen sollte, dann können die Kontaktketten innerhalb des Vereins viel besser nachverfolgt werden als zum Beispiel im privaten Raum. Dazu kommt, dass Chlor das Virus nachweislich abtötet. Wir hoffen, dass die Regierung hier ebenfalls erkennt, welchen Beitrag wir leisten können und dem Vereinssport das entsprechende Vertrauen entgegenbringt.

Wie groß ist denn der Druck an der Basis? 
Marco Troll: Wir bekommen fast täglich Hilferufe aus unseren Vereinen. Die Schwimmhallen schließen, Mitglieder brechen weg und damit fehlen die so wichtigen Einnahmen. Gemeinsam mit unseren Landesverbänden verschaffen wir uns gerade einen umfassenden Überblick, in welchem Ausmaß die Pandemie bereits zu Mitgliederschwund geführt hat. In Berlin sehen wir zum Beispiel schon jetzt knapp 13 Prozent weniger Mitglieder im Vergleich zu 2019 – und das betrifft vor allem Kinder. Auch im Bereich der Wettkampflizenzen müssen wir hohe Verluste ertragen. Der DSV konnte 2020 nur knapp 40 Prozent seiner geplanten Wettkämpfe durchführen. Ohne das Angebot von Wettkämpfen werden natürlich auch weniger Lizenzen erworben. All das wirkt sich negativ auf den Haushalt aus, und das bei immens steigenden Kosten für aufwendige Hygienekonzepte und Bubbles vor allem für die Olympia-Vorbereitung. Ganz Sportdeutschland kämpft gerade ums Überleben.

Wie sollte es ihrer Meinung nach weitergehen?
Marco Troll: Das Thema Eigenverantwortung ist und bleibt essenziell. Als Gesellschaft müssen wir uns noch einmal zusammenraufen und weiterkämpfen. Für unsere Mitglieder wünschen wir uns ein starkes Zeichen durch die Regierung. Das Bekenntnis zur enormen Relevanz unseres Sports und unserer Mitglieder. Es müssen jetzt kreative Lösungen gefunden werden, die die Sicherheit der Menschen gewährleisten und gleichzeitig eine Öffnung des Vereinssports ermöglichen. Es gibt bereits verschiedene Ansätze, von frühzeitiger Öffnung der Freibäder bis hin zu steuerlichen Erleichterungen für Vereine. Als Spitzenverband stehen wir der Regierung hier gern jederzeit beratend zur Seite, um gemeinsam Lösungen zu finden.

Quelle:  Der DSV – Verband – Aktuelles | Deutscher Schwimm-Verband e.V.

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